Wer nichts anpackt, der auch nichts bewegt

Evangelische Traditionen

Evangelische Traditionen

Schon vor der Reformation zeigte sich ein starkes Unbehagen über die römische Kirche, die, insbesondere in der Renaissance, in Folge der Modernisierung von Staatsideen und Wirtschaftsprozessen, ihre eigentlich geistliche Aufgabe zu vernachlässigen begann. Der Ruf nach strengerer Kirchlichkeit hatte jedoch erst dann Aussicht auf Erfolg, als einzelne Territorialfürsten ein von Rom unabhängiges Christentum ermöglichten.

Nach lutherischer Auffassung ist die Kirche „Geschöpf des Wortes Gottes“. Sie entsteht und lebt überall dort, wo das Evangelium rein verkündet und die Sakramente der Einsetzung Christi gemäß verwaltet werden. Sie ist die Gemeinschaft der gerechtfertigten Sünder, die durch ihr Handeln und ihre Organisationsform das Wirken Gottes bezeugt. Das grundlegende lutherische Bekenntnis, die Confessio Augustana formuliert das Kirchenverständnis folgendermaßen: „Eine christliche Kirche ist die Versammlung aller Gläubigen, bei welchen das Evangelium rein gepredigt und die Sakramente laut dem Evangelium gereicht werden.“ Die Anwendung dieser beiden Kriterien auf konkrete Kirchen und Denominationen gestaltet sich als fließender Prozess. Die meisten Lutheraner gehen heute davon aus, dass auch die römisch-katholische Kirche sie erfüllt.

Ein weiteres, weit verbreitetes Kirchenverständnis ist das von der Kirche als „Gemeinschaft der Glaubenden“, die sich in der Ortsgemeinde konkretisiert. Für die Täufer – und in ihrer Nachfolge die Mennoniten, Kongregationalisten und Baptisten - ist dieses Verständnis konstitutiv. In ihm wurzelt auch die Tauflehre dieser Bewegungen, ihr Postulat der Trennung von Kirche und Staat sowie ihr Eintreten für Religionsfreiheit. Der persönliche Glaube wird hier zur Voraussetzung für den Empfang der Taufe.

Auch in dem presbyterialen und synodalen Reformierten Kirche wird dieses Kirchenverständnis der Täufer sichtbar, obwohl sie mitunter in ihrer Geschichte den Staat als Werkzeug ihres Glaubens zu benutzen versucht haben.

Außerhalb der eigentlich theologischen Fachdiskussion hat sich mittlerweile ein moderner Begriff von Kirche verbreitet, der beim religiösen Bewusstsein der gegenwärtigen Zivilisation ansetzt. Mithin ist jede Erscheinungsform von Kirchlichkeit ein veränderlicher Ausdruck religiöser Bedürfnisse der Menschen, die sich in Überzeugungen und Ritualen äußern und entsprechende Strukturen ausbilden.

Kirche wäre demnach a priori eine moralische Instanz der Sinnstiftung, die in ihre jeweilige Umwelt hinein eine Botschaft verkündet. Die Frage nach der Wahrheit christlicher Verkündigung wird dem Bedürfnis nach individueller oder gruppenspezifischer Sinnstiftung untergeordnet. Diese modern-postmodernen Interpretationen von Kirche, die zunächst im Kontext evangelisch-liberaler Theologie aufkamen, werden insbesondere dann kritisiert, wenn die kirchliche Botschaft mit bestimmten politischen Programmen oder Ideologien verbunden wird (Deutsche Christen 1933, Kirche im Sozialismus (DDR 1971-1990), Befreiungstheologie). Meiner Ansicht nach findet man hier den Begriff Sekte gut definiert. Mit Kirche und Religion hat dies nichts mehr zu tun. Dort wo Glaube nach wirtschaftlichen und politischen Aspekten ausgerichtet wird, ist Ideologie und nicht Religion am Werk, hier sollen Menschen verführt und zu formbaren und fügsamen Untertanen erzogen werden.

In den Anfängen des Quäkertums wurde nicht unterschieden zwischen "Kirche" als Gebäude, "Kirche" als Institution oder "Kirche" im theologischen Sinne. Demnach war die Kirche die Gemeinschaft derer, die nach Gottes Willen lebten und nicht in der Sünde verharrten. Perfektionismus - also Seligkeit - war das erstrebte Ziel und Zeichen der Mitgliedschaft der sonst nicht äußerlich sichtbaren Kirche Gottes. Sakramente und Liturgie wurden als "weltlich" abgelehnt. Diese Auffassung wird aber heute im evangelikalen Quäkertum und im liberalen Quäkertum weitestgehend nicht mehr vertreten. Im konservativen Quäkertum sind aber noch Elemente davon zu finden.

Diese unterschiedlichen Verständnisse überlappen zum Teil in den einzelnen Konfessionen. So ist zwar in den lutherischen Bekenntnisschriften die zweite Auffassung stark vertreten, jedoch wird auch in den gleichen Schriften nicht nur auf das Wort Gottes Bezug genommen, sondern auch auf die Verwaltung der Sakramente. Der Anglikanismus versteht sich zwar grundsätzlich als katholische Kirche im oben beschriebenen Sinn, vertritt aber auch die anderen beiden Kirchenverständnisse, die idealerweise alle zusammen auf die Kirche zutreffen sollten.

Im Hintergrund der Frage nach der wahren Kirche ist immer auch das Verhältnis zum Staat und zur politischen Gewalt aktuell. Die katholische Kirche vertritt als einzige Konfession den Anspruch, dass ihr in geistlichen Dingen ein Vorrang vor jeder staatlichen Gewalt zustehe. Allerdings beansprucht sie seit dem II. Vatikanum keine Privilegien im Staat mehr und akzeptiert die staatsbürgerliche Religionsfreiheit, wie dies als erste die evangelischen Freikirchen praktiziert haben.

Diesen unterschiedlichen Ekklesiologien entsprechen unterschiedliche Vorstellungen von der gesuchten Einheit der Kirche Christi. Die Frage der gegenseitigen Anerkennung als „Kirche“ ist ein zentrales Problem der aktuellen ökumenischen Bewegung. So unterscheidet die römisch-katholische Kirche seit dem II. Vatikanum, z.B. in der Erklärung Dominus Iesus von 2000, zwischen „Kirchen“ und „kirchlichen Gemeinschaften“. Da viele protestantische Kirchen das mit dem katholischen Begriff von „kirchlicher Gemeinschaft“ Gemeinte für hinreichend für jede Kirche halten, wird diese Differenzierung bisweilen auch heute als Herabsetzung empfunden. Bereits mit der Ablehnung der anglikanischen Weihe im Dokument Apostolicae Curae aus dem Jahr 1896 hatte die römische Kirche sich vom Kirchenverständnis Anderer abgegrenzt. Mittlerweile wird aber auch von protestantischen Ökumenikern anerkannt, dass die Frage durchaus berechtigt ist, wer andererseits seitens der reformatorischen Denominationen überhaupt eine Anerkennung katholischer Auffassungen würde aussprechen können, da nach dem evangelischen Kirchenbegriff dafür verbindliche Institutionen fehlen.

Der aktuelle Stand der ökumenischen Diskussion findet sich in einer Ekklesiologie-Erklärung, die der Ökumenische Rat der Kirchen 2006 auf seiner 9. Vollversammlung in Porto Alegre (Brasilien) verabschiedet hat. Sie basiert auf der Studie, Wesen und Auftrag der Kirche, die von der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung erarbeitet wurde und der seit 1968 auch die römisch-katholische Kirche als Vollmitglied angehört.

Im Juli 2007 veröffentlichte die Kongregation für die Glaubenslehre das Schreiben Responsa ad quaestiones de aliquibus sententiis ad doctrinam de ecclesia pertinentibus, in dem die Unterscheidung zwischen Kirche und kirchlicher Gemeinschaft weiter besteht. Aussageabsicht des Textes war allerdings in erster Linie, die Kontinuität der katholischen Ekklesiologie ad intra zu betonen.

In Anlehnung an die neutestamentliche Bezeichnung gab sich die auf den deutschen Heilungsevangelisten Hermann Zaiss zurück gehende freikirchliche Glaubensgemeinschaft den Namen Ecclesia (eigentlich: Gemeinde der Christen Ecclesia). Sie entstand in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts und gehört heute zum Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden.

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